Liebe Kolleginnen und Kollegen,
diese Zeilen entstehen aus aktuellen Anlässen und Beobachtungen. Diese sind nicht auf die Mehrzahl unseres Umfeldes zurückzuführen und dennoch gibt das Thema Anlass zum Nachdenken für uns alle!
Rabatte, %%%, Sommerschlussverkauf, „zwei für eins“ bestimmen in vielen Teilen unser Einkaufsverhalten und ich frage mich, ob wir unsere Rabattkultur auch auf die Zeit und den Aufwand übertragen haben. So, wie manche beim Einkauf nach einem Preisnachlass jagen, erlebt der eine oder andere im Arbeitsalltag die eingesparte Zeit oder den Aufwand als Gewinn: Möglichst schnell fertig sein, zehn Minuten früher nach Hause gehen zu können, möglichst nichts über das unbedingt Erforderliche hinaus zu tun – auch das scheint bisweilen als Erfolg zu gelten – mehr für weniger. Und wenn freitags im Radio der Ruf „Endlich Wochenende!“ ertönt, klingt darin eine vertraute Vorstellung an: Die schönste Zeit beginnt, wenn die Arbeit endet. Haben Sie das schon einmal hinterfragt?
Natürlich dürfen wir uns auf den Feierabend und das Wochenende freuen, das ist nicht der Punkt. Es gibt viele in unserem Unternehmen, für die das Beschriebene nicht zutrifft. Dennoch frage ich mich: Welchen Platz nimmt unsere Arbeit eigentlich in unserem Leben ein? Wie erleben wir sie, wenn wir ihr Ende so sehr herbeisehnen?
Die Helmut-Schmidt-Universität beschreibt, dass vermeintliche Schnäppchen kurzfristiges Lustempfinden auslösen können. Der gefühlte Gewinn kann selbst zum Anreiz werden. Als Gedankenbild lässt sich daran anknüpfen: Ist auch die eingesparte Arbeitszeit oder der Aufwand für uns ein Schnäppchen? Und welchen Wert geben wir der Tätigkeit selbst?
Denken wir einmal darüber nach!
Wenn wir vor allem darauf warten, dass die Arbeit vorbei ist, entsteht der Eindruck, das eigentliche Leben beginne erst danach. Die Arbeit erscheint dann als eine Pflicht, die es möglichst schnell hinter sich zu bringen gilt. Aber auch unsere Arbeitszeit ist Lebenszeit. Wir sind dort dieselben Menschen – mit unseren Werten und Fähigkeiten, unserem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Wertschätzung und unserem Wunsch, etwas Sinnvolles zu bewirken. Nehmen wir die Möglichkeiten, die Verantwortung und auch das Geschenk, das darin liegt, noch bewusst wahr? Oder ist vieles für uns so selbstverständlich geworden, dass wir seinen Wert kaum noch sehen? Ich erinnere mich an unsere ehemalige Kollegin Frau Lehmann damals in unserer DRK Kneipp-Kita „Neddelrad Spatzen“ in Banzkow. Als ich meine Tochter einmal zu spät abholte, kam ich völlig aus der Puste und mit schlechtem Gewissen in der Kita an. Ich entschuldigte mich für meine Verspätung und Frau Lehmann entgegnete mir: „Frau Müller, wenn man mit Menschen arbeitet, darf man nicht auf die Zeit schauen!“
Dieser Satz klingt noch heute, 17 Jahre später, in mir nach. Die zugewandte Reaktion unserer inzwischen leider verstorbenen Kollegin hat mir damals als Mutter unendlich viel bedeutet. Für mich drückte sie aus: Ich sehe Ihre Situation und begegne Ihnen mit Verständnis. In diesem Moment durfte ich erfahren, wie wertvoll menschliche Zuwendung und eine wertschätzende Beziehungsgestaltung ist. Und ist es nicht genau das Menschliche, was bleibt? Gerade in unseren sozialen Berufen können wir für andere Menschen einen Unterschied machen. Wir begleiten Entwicklung, lindern Sorgen, unterstützen und versorgen, schenken Sicherheit und ermöglichen eine herzliche Gemeinschaft. In den Begegnungen mit den uns anvertrauten Kindern, Eltern, Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten sowie Bewohnerinnen und Bewohnern können wir täglich spüren: Es ist bedeutsam, dass wir da sind. Unser Tun bewirkt etwas Gutes. Allen Kolleginnen und Kollegen, die dies in unseren Einrichtungen leben, gilt unser aufrichtiger DANK!
Dieser Sinn, anderen etwas Gutes zu tun, entsteht oder kann entstehen auch im Miteinander in unseren Teams. Wir tragen gemeinsam Verantwortung, helfen einander und lernen voneinander. Zusammen können wir etwas schaffen, das niemand allein leisten könnte.
Unser Erfolg im DRK-Kreisverband Parchim ist eine Mannschaftsleistung!
Unsere Arbeit verbindet uns mit unserer Aufgabe, mit den Menschen, für die wir Verantwortung übernehmen, und mit denen, die diese Verantwortung mit uns tragen. Das verbindet!
All das erleben zu dürfen, ist für mich nicht selbstverständlich. Ich bin dankbar für diese Arbeit, für die Sicherheit eines geregelten Einkommens und für die Möglichkeit, meine Gedanken und Ideen einzubringen. Besonders viel bedeutet es mir, gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwas bewegen , ja etwas Gutes gestalten zu können. Diesen Wert mache ich mir immer wieder bewusst. Ich bin überzeugt, dass Dankbarkeit und gegenseitige Wertschätzung dazu beitragen können, unsere Arbeit bewusster und mit mehr Freude zu erleben. Lassen Sie uns unsere Arbeit im DRK-Kreisverband Parchim e.V. immer wieder als einen wertvollen Teil unseres Lebens erfahren: als bereichernde Zeit, in der wir unsere Persönlichkeit einbringen, Beziehungen gestalten und gemeinsam etwas bewirken, auf das wir stolz sein dürfen.
Dann gehört zur Freude über den Feierabend auch die Freude darüber, was wir miteinander und für andere geschaffen haben. Entscheidend ist, mit welcher Haltung wir unsere Aufgabe und unser Miteinander ausfüllen.
Herzliche Grüße!
Ines Müller
Mitglied des Vorstandes
Fachbereichsleitung Kindertagesstätten
Vorstandskolumne “Was uns bewegt?!” von Oktober '26 als PDF Download
