· DRK Vorstandskolumne

Brauchen wir einen Eid?

"Was uns bewegt?!" – Vorstandskolumne 09 2026

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

Brauchen wir einen Eid?

"Ich schwöre, meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes zu widmen, seinen Nutzen zu mehren, Schaden von ihm zu wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes zu wahren und zu verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft zu erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben."

Mit diesen Worten tritt ein Bundeskanzler sein Amt an. Es ist kein bloßer Satz. Es ist ein Versprechen. Ein Bekenntnis zur Verantwortung.

Und manchmal frage ich mich: Warum leisten eigentlich nur die höchsten Repräsentanten unseres Landes einen solchen Eid?

Warum gibt es keinen Eid auf unsere Gesellschaft? Auf unsere Mitmenschen? Auf das Unternehmen, in dem wir arbeiten? Auf die Verantwortung, die jeder Einzelne von uns jeden Tag trägt?

Denn Verantwortung beginnt nicht im Kanzleramt. Sie beginnt morgens um sieben Uhr in der Kita, in der Jugendhilfe, in der Sozialstation, im Pflegeheim, im Büro oder in der Geschäftsstelle. Sie beginnt dort, wo Menschen sagen: "Ich kümmere mich."

In den vergangenen Monaten bin ich über zwei Artikel gestolpert. Einer beschrieb den gestrandeten Buckelwal Timmy. Kraftlos. Schwerfällig. Immer wieder auf einer Sandbank festgefahren. Menschen versuchten, ihn zu retten, doch immer wieder fehlte ihm die Kraft, sich selbst aus seiner Lage zu befreien. Die Autorin zog einen Vergleich zu unserem Land: Deutschland wirke manchmal genauso – erschöpft, unbeweglich und wartend auf den großen Befreiungsschlag, auf „das wieder an mehr“, auf ein Reformwunder, auf „DIE LÖSUNG“.

Der zweite Artikel griff die Worte des Unternehmers Reinhold Würth auf. Er beklagte, dass der Leistungsgedanke verloren gehe und forderte mehr Einsatzbereitschaft.

Beide Artikel haben mich beschäftigt. Nicht, weil ich jede Aussage komplett teile. Sondern weil sie eine Frage aufwerfen, die auch uns betrifft.

Ja, ich glaube, wir brauchen zumindest gedanklich einen Eid – ein persönliches Bekenntnis zu Verantwortung, Verlässlichkeit und Einsatz. Und ja, auch wir im Deutschen Roten Kreuz müssen uns dieser Selbstreflexion stellen. Wir sollten uns ehrlich fragen, ob wir überall noch die Leistungsbereitschaft leben, die wir von uns selbst erwarten. Ob wir Verantwortung konsequent übernehmen. Ob wir alles dafür tun, gesund und arbeitsfähig zu bleiben. Und ebenso müssen wir den Mut haben, unsere eigenen Strukturen und unser tägliches Handeln kritisch zu hinterfragen: Wo sind wir schwerfällig geworden? Wo halten wir an Gewohnheiten fest, obwohl sie uns ausbremsen? Wo verwalten wir Probleme, anstatt Lösungen zu gestalten? Wer von Politik, Gesellschaft oder anderen Organisationen Veränderungsbereitschaft erwartet, muss bereit sein, sie auch bei sich selbst einzufordern. Gerade wir als Deutsches Rotes Kreuz sollten diesen Anspruch an uns selbst haben.

Wie gehen wir eigentlich mit unserer Arbeit um? Oft hören wir den Satz: "Weniger ist mehr." Ein kluger Satz.

Aber haben wir ihn vielleicht falsch verstanden? "Weniger ist mehr" bedeutet nicht, weniger Einsatz zu zeigen. Es bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Es bedeutet nicht, Dienst nach Vorschrift zu machen.

Es bedeutet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das Wesentliche sind nicht Formulare. Nicht Diskussionen über Zuständigkeiten. Nicht die Frage, warum etwas gerade nicht geht. Das Wesentliche sind die Menschen.

Wir erleben gleichzeitig einen merkwürdigen Widerspruch. Auf der einen Seite soll immer mehr geleistet werden. Mehr Dokumentation. Mehr Anforderungen. Mehr Projekte. Mehr Digitalisierung. Mehr Geschwindigkeit.

Auf der anderen Seite scheint oft die Bereitschaft abzunehmen, das kleine Stück mehr Verantwortung zu übernehmen, das keine Dienstanweisung regeln kann.

Nicht weil Menschen faul wären. Sondern weil wir uns manchmal daran gewöhnt haben, zuerst nach den Grenzen unserer Verantwortung zu suchen – statt nach ihren Möglichkeiten.

Dabei lebt gerade das Deutsche Rote Kreuz von einer anderen Haltung. Unsere Organisation wurde nicht gegründet, weil Menschen gefragt haben: "Muss ich das wirklich tun?" Sie wurde gegründet, weil Menschen gefragt haben: "Wie kann ich helfen?" Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Verantwortung entsteht nicht durch Verträge. Sie entsteht durch Haltung.

Vielleicht brauchen wir deshalb tatsächlich keinen offiziellen Amtseid. Aber vielleicht braucht jeder von uns seinen persönlichen. Einen stillen Eid.

Ich werde meine Arbeit gewissenhaft erledigen. Ich werde meinen Kolleginnen und Kollegen den Rücken stärken.

Ich werde nicht wegsehen, wenn Hilfe gebraucht wird. Ich werde Lösungen suchen, bevor ich Probleme verwalte.

Ich werde mit den Ressourcen unseres Unternehmens so umgehen, als wären es meine eigenen.

Ich werde daran denken, dass hinter jeder Aufgabe ein Mensch steht.

Denn genau das macht den Unterschied.

Nicht perfekte Prozesse. Nicht perfekte Technik. Nicht perfekte Organisation. Sondern Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Wenn wir darauf warten, dass sich "die anderen" bewegen, werden wir vielleicht wie Timmy – festgefahren, kraftlos und darauf hoffend, dass irgendwann die Flut kommt.

Wenn aber jeder von uns einen kleinen Schritt macht, entsteht Bewegung.

Und Bewegung war schon immer stärker als Stillstand.

Ich wünsche mir deshalb keine Helden.

Ich wünsche mir Menschen, die ihren eigenen kleinen Amtseid jeden Morgen leben.

Nicht, weil sie müssen.

Sondern weil sie wissen, dass unser Rotes Kreuz nur so stark ist wie die Haltung der Menschen, die es tragen.

Und ich glaube, wir können das und tun es oft schon!


Viele Grüße!

Steffen Kanert
Geschäftsführer

 

Kolumne 09-2026 als PDF-Download